TWG-Tagung zu Perspektiven und Herausforderungen in therapeutischen Wohngruppen
Am 14. Oktober fand die 12. TWG-Tagung unter dem Titel „Besondere Jugendliche – Besondere Angebote“ statt. TWG steht für Therapeutische Wohngruppen – eine Versorgungsform, die auch bei Jugendwohnen im Kiez ein wichtiger Baustein ist. Die Fachtagung in den Räumen der Berliner Stadtmission widmete sich den aktuellen Herausforderungen der Praxis und der Kernfrage: Wie gelingt professionelles Handeln im pädagogisch-therapeutischen Milieu?
Angesichts gesellschaftlicher Veränderungen, zunehmender Spezialisierung und komplexer Bedarfe stellt sich die Frage, wie Jugendliche in TWGs verlässlich begleitet werden können. Nach der Eröffnung durch Cornelia Kalk (NWik gGmbH) beleuchteten verschiedene Fachvorträge die multiperspektivische Arbeit in den Wohngruppen.

Den Auftakt machte Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner (ASH Berlin) zu den Wirkfaktoren der Jugendhilfe und aktuellen Erkenntnissen aus der Bindungsforschung. Anhand eines Films zur Mutter-Kind-Bindung verdeutlichte sie, dass schon zwei Minuten des Ignoriertwerdens Distanz und Vertrauensverlust auslösen können. Um verloren gegangenes Vertrauen bei Jugendlichen wiederaufzubauen, brauche es hingegen rund 50.000 vertrauensstiftende Momente – ein starkes Plädoyer für Ausdauer in der Beziehungsarbeit.

Anna Nikitin (Geschäftsleitung Freudberg Trägergesellschaft gGmbH) richtete den Blick auf die strukturellen Rahmenbedingungen: Steigende Bedarfe in der Eingliederungshilfe, die angespannte Platzsituation und fehlender Wohnraum belasten das System extrem. Als Lösungsansatz fordert sie mehr Personalmittel sowie bessere Halteoptionen und Haltequalitäten für Fachkräfte. Rechtlich und finanziell lässt sich dies in Berlin allerdings nur durch eine gezielte Anpassung der Anlage B des Rahmenvertrags verbindlich umsetzen.


Wie eine gelingende Kooperation zwischen der klinischen Versorgung und der freien Jugendhilfe aussieht, thematisierte Dr. Jakob Florack (Chefarzt der Klinik für seelische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter, St. Joseph Krankenhaus Berlin). Er plädierte für eine engere Vernetzung von Jugendhilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie ambulanter Psychotherapie: Ein paralleles, hand-in-hand gehendes Arbeiten sei deutlich zielführender als ein serielles „Abgeben“ von Jugendlichen. Er sprach sich für strukturelle Kooperationen mit Trägern und gemeinsam abgestimmte Krisenverträge aus.

Nach der Mittagspause ging es in die Praxis-Workshops. Die prowo gGmbH und die ajb gGmbH widmeten sich dem Substanzgebrauch in TWGs und zeigten Möglichkeiten der Intervention jenseits von Moral und Sanktionen auf. Jugendwohnen im Kiez brachte sich mit einem Workshop zur Begleitung von Jugendlichen mit Borderline-Symptomatik ein.

Im Mittelpunkt des gesamten Fachtags stand die Beziehungskontinuität: Verlässliche Strukturen sind die Grundvoraussetzung, um Orientierung zu geben und Entwicklung zu ermöglichen. Auch der Umgang mit Konflikten sowie die Rolle digitaler Lebenswelten für Gruppenprozesse wurden beleuchtet. Der Austausch zu diesen Themen ist auch für die tägliche Arbeit bei Jugendwohnen im Kiez von Bedeutungl: Junge Menschen brauchen verlässliche Bindungen und ein haltendes Umfeld.
Wir danken dem Arbeitskreis Therapeutischer Jugendwohngruppen für die Organisation und den aufschlussreichen Tag!

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