Fachveranstaltung: „Gemeinsam zur Lösung: Beratungs- und Lotsenangebote in Arztpraxen als zukunftsweisendes Erfolgsmodell“
Am 8. Juli 2026 kamen im Rathaus Tiergarten Akteure rund um Beratungsund Lotsenprojekte in Arztpraxen zusammen: Sozialpädagog*innen, Vertreter*innen der Krankenkassen, der Arztpraxen, der Senatsverwaltung, der Bezirksämter, aus dem Abgeordnetenhaus und Wissenschaftler*innen der Charité. Ihr gemeinsames Ziel: Familien, Kinder und Jugendliche in psychosozial belastenden Lebenslagen frühzeitig und präventiv zu unterstützen und gleichzeitig Arztpraxen zu entlasten – berlinweit und flächendeckend.
Unterstützung gelingt dort am besten, wo Familien ohnehin sind – berlinweit in Kinder- und Frauenarztpraxen. Projekte wie ELBA, die Familienlotsen Neukölln und LoGiK zeigen, wie moderne, interprofessionelle Zusammenarbeit die strukturelle Lücke zwischen medizinischer Versorgung und sozialpädagogischer Hilfe schließt.
Das Problem: Klassische Hilfen greifen zu spät
Die psychosozialen Belastungen von Familien steigen, doch das bestehende Hilfesystem stößt an Grenzen. Klassische Angebote setzen oft eine Eigeninitiative voraus, die Familien in Krisen aufgrund von Überforderung oder Scham nicht aufbringen können. Die Folge: Familien werden schwer erreicht und erhalten erst sehr spät und dann kostenintensive Hilfe.
Die Lösung: Beratungs- und Lotsendienst als Win-Win-Modell
Der Ansatz, Sozialpädagog*innen direkt in Arztpraxen einzubinden, schlägt eine Brücke zur schnellen Hilfe. Dr. med. Siri Roßberg, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin-Kreuzberg, betont am Beispiel der postartalen Depression, wie entscheidend aufmerksame Gespräche und schnelle Interventionen vor Ort sind: „Schnelle Intervention ist die richtige Intervention. Die Systeme sind überlastet und wir müssen andere Tools einbringen.“
Das Modell bietet Vorteile für alle Seiten:
- Für Familien: Niedrigschwelliger Zugang zu Hilfe direkt vor Ort, Stärkung der Selbstwirksamkeit und kurze Wege und Anbindung in den Sozialraum
- Für Arztpraxen: Spürbare Entlastung des medizinischen Personals bei nicht-medizinischen Problemen
- Für Kassen und Kommunen: Prävention verhindert und/oder reduziertspätere, hochgradig kostenintensive Betreuung (z. B. in den Hilfen zur Erziehung)


Die Herausforderung: Ressortübergreifende Finanzierung
Bisher arbeiten die Zuständigkeiten oft nebeneinander: Die Gesundheitsverwaltung fördert Gesundheitsthemen, die Familienverwaltung z.B. frühkindliche Entwicklung; Krankenkassen finanzieren Präventionskurse, aber keine Erziehungsberatung.
Für eine flächendeckende Umsetzung braucht es ein Umdenken. „Wie können wir Politik überzeugen von Projekten, die gut funktionieren?“ fragt Christoph Keller, Bezirksstadtrat für Jugend, Familie und Gesundheit in Berlin-Mitte.
Es braucht in Berlin ein ganzheitliches Konzept über Ressorts und Paragrafen des SGB hinweg. Das zahlt sich aus, moralisch und monetär. Nötig ist eine rechtskreisübergreifende Finanzierung und das Zusammenlegen von Fördertöpfen. Dass sich das auch finanziell lohnt, zeigt ein Rechenbeispiel aus der Praxis: Für ein 7-jähriges Kind in einer Wohngruppe liegt der Tagessatz bei 500€ – auf zwei Jahre gerechnet sind das Kosten, die präventiv eingesetzt bei mehr als diesem Kind nachhaltig gewirkt hätten.
Wissenschaftliche Evidenzfür die Politik
Um den Sprung vom Modellprojekt zur flächendeckenden Regelversorgung in Berlin zu schaffen, liefert das Projekt
LoGiK (Lots*innen für gesundes Aufwachsen in Kinderärztlichen Praxen) derzeit wissenschaftliche Fakten. In
Steglitz-Zehlendorf arbeiten Arztpraxen und das Stadtteilzentrum e.V. eng zusammen, um soziale Probleme wie
Schuldistanz oder Einsamkeit früh abzufangen. In Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt werden das Projekt und die begleitende Evaluation durch die Techniker Krankenkasse finanziert.
Die wissenschaftliche Begleitung durch die Abeitsgruppe Stadtmedizin der Charité soll nun den quantitativen und qualitativen Nachweis der Nachhaltigkeit erbringen. Diese Zahlen sind dringend notwendig: Regine Schefels (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie) verwies auf die Hürden der zweijährigen Haushaltsplanung, für die klare Wirkungsbelege essenziell sind. Dr. Christian von Dewitz (Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege) ergänzte, dass oft nicht das Geld das Problem sei, sondern das strukturelle Nebeneinanderherlaufen der Bereiche.
Ausblick: Vom Projekt zur Regelversorgung
Nach zehn Jahren erfolgreicher Erprobung müssen die Berliner Beratungs- und Lotsenprojekte endlich langfristige
Planungssicherheit erhalten. Der aktuelle Berliner Koalitionsvertrag sieht den Ausbau des „Landesprogramms
Kombipraxis mit Sozialberatung“ bereits vor. Damit aus der Absichtserklärung eine verlässliche Realität wird, müssen nun alle beteiligten Akteure gemeinsam Druck machen. Und wie es Gabi Renner (ELBA) treffend zusammenfasste:
„Familien früh stärken, statt später teuer reparieren.“

