Januar 2009: Presseinformation "Runder Tisch Kottbusser Tor"

Im September 2007 initiierte das Fallteam III des Jugendamtes Friedrichshain-Kreuzberg eine Aktivierende Bewohnerbefragung im Wohnblock Adalbertstr. 4/ Skalitzerstr. 134a.

 

Ausgangspunkt war die Beobachtung eines überdurchschnittlichen Jugendhilfeaufkommens, das Anliegen einer umfassenden und übergreifenden Bedarfsanalyse, sowie der Ansatz mit sozialräumlich orientierten, aktivierenden Methoden neue Lösungswege für Familien zu erproben.

 

Die Ergebnisse der Erhebung machten deutlich, dass das Leben im und um das Haus von vielen belastenden Faktoren und heterogenen Interessen geprägt sind, die u.a. Aspekte des Kinderschutzes berühren:

 

Befragt wurden insgesamt:

 

 

88 Erwachsene, davon

71 Frauen (80,7%)

17 Männer (19,3 %)

 

34 Kinder/Jugendliche, davon

20 Mädchen (58,8%)

14 Jungen (41,2 %)

 

Der Anteil von BewohnerInnen mit Migrationshintergrund lag bei 86%.

 

Viele der Mütter, bzw. Frauen leben isoliert und zurückgezogen in ihren Wohnungen, bzw. sind mit der Erziehung ihrer Kinder faktisch auf sich alleine gestellt. Sie suchen nach spezifischen Angeboten, die einerseits im Freizeitbereich angesiedelt sind (die sie z.T. auch gemeinsam mit den Kindern wahrnehmen möchten), aber auch nach Treffpunkten außerhalb der Familienwohnungen. Die Fahrstühle, Treppenhäuser, das Parkhaus, die Galerien und der Hinterhof wurden als gefährliche Orte für Kinder beschrieben, in denen sowohl Erwachsene als auch Kinder Angst haben sich zu bewegen und die darüber hinaus stark verschmutzt und unhygienisch sind. Sie zeigten sich sehr besorgt bzgl. der Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder, sowie der eigenen Sprachfähigkeiten. Hintergrund für diese Situation bilden u.a. die Auswirkungen der Drogenszene am Kottbusser Tor mit einer massiven Präsenz einerseits von gut organisierten und gewaltbereiten Dealergangs, sowie von Drogenkonsumenten (Spritzen auf Spielplatz und in Treppenhäusern, Exkremente im Haus, Drogentote, etc.) andererseits.

 

Die Kinder selbst beschrieben die Gewalt, Drogen und den schlechten Zustand der Wohnanlage als negativ an ihrer Lebenssituation. Gleichzeitig zeigte sich das Potential für eine vernetzte soziale Infrastruktur, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Familien Rechnung tragen kann: Der Erfahrungsaustausch von Familien und das „soziale Lernen“ innerhalb einer gelungenen nachbarschaftlichen Vernetzung können dabei eine wichtige Grundlage für den Erwerb von weiteren Handlungskompetenzen und die Mobilisierung vorhandener Ressourcen bilden.

 

Auf der Basis der Ergebnisse etablierte das Jugendamt seit Anfang 2008 eine Kooperationsstruktur - der „Runde Tisch“, die eine verlässliche Prozessmoderation, einen Anwohnerstützpunkt mit kleinen Angeboten vor Ort und die gezielte Weiterleitung in bestehende Angebote gewährleistet. Durch die Arbeit an gemeinsamen Interessen hat sich das Feld der Akteure, das zu Beginn der Projektarbeit von massiven gegenseitigen Schuldzuweisungen, großer Verärgerung und deutlicher Resignation geprägt war, nach und nach thematisch geöffnet und differenziert - und zu einem in weiten Teilen guten Kooperationsnetzwerk von BewohnerInnen und öffentlichen wie auch regionalen freien Institutionen gewandelt. Die zentralen Akteure sind neben den BewohnerInnen v.a. das Jugendamt, die Hausverwaltung Kremer, die Polizei, sowie die Jugendhilfeträger Vielfalt e.V., Jugendwohnen im Kiez-Jugendhilfe gGmbH und Kotti e.V.).

 

Angeregt von dieser familienorientierten Initiative, bzw. parallel dazu entstanden weitere Impulse, die sich z.B. in einer verstärkten Organisation der Gewerbetreibenden, von Bewohnerinitiativen (Väter- & Müttergruppe, Mieterbeirat, etc.), Diskussionen des Beirats des Quartiersmanagements und schließlich einer neu gegründeten Arbeitsgruppe des Bürgermeisters zum Umgang mit der Drogensituation zeigen.

 

Fazit:

 

In einer massiven Problemsituation, die u.a. durch langjährige Resignation gekennzeichnet ist, ließen sich mit verhältnismäßig kleinstem Mittelaufwand und einem sozialraumorientierten Ansatz eine sehr starke Bewegung und ein großer Effekt erzielen: Im Laufe des letzten Jahres entstand nach den anfänglich heftigen und wütenden Hilflosigkeitsäußerungen und Schuldzuweisungen eine Phase der thematischen Ausdifferenzierung (z.B. Sicherheit, Sauberkeit, Angebote für Kinder und Eltern, Mieterbeirat, etc.) und Kooperation, sowie des regelmäßigen gemeinsamen Dialogs auf verschiedenen Ebenen (z.B. zw. Mieter und Hausverwaltung, Familien und Jugendamt, Runder Tisch – Gewerbetreibende und Polizei etc.).

 

 

Kontakt:

 

Gunther Hagen
Regionalleitung III
Jugendamt F.hain-Kreuzberg
Adalbertstr. 23b
10997 Berlin
(030) 90298-4718
gunther.hagen@ba-fk.verwalt-berlin.de  

 

Mischa Straßner
Stv. Gf. Vielfalt e.V.
Mehringplatz 9
10969 Berlin
(030) 62721337
mischa.strassner@vielfaltev.de

 

Susanne Cokgüngör
Regionalleitung Kreuzberg/Neukölln
Jugendwohnen im Kiez
Mariannenplatz 6
10997 Berlin
(030) 61 86 722
cokguengoer@jugendwohnen-berlin.de

 

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