Hilfe, wird mein Kind kriminell?

Wir möchten darauf hinweisen, dass die Meinung eines Autors nicht zwingend mit der Meinung von Jugendwohnen im Kiez übereinstimmen muss.




8.10.2007

 

Was in Berlin getan wird, um Jungs von der schiefen Bahn wegzubringen
Sascha Langenbach

 

Berlin - Es ist vermutlich die wichtigste Serie, die der KURIER je veröffentlicht hat - es geht um unsere Kinder! Wo gibt es Hilfe, wenn Eltern nicht mehr alleine zurecht kommen? Wenn Kinder trinken, zu Drogen greifen, in die Kriminalität abdriften. Wer bezahlt für die verschiedenen Betreuungsangebote, wann haben Eltern Anspruch auf die Hilfe von Profis, welche Einrichtung ist worauf spezialisiert? Heute geht es um Kinder, die schon mit einem Bein im Knast stehen und wie man ihnen vielleicht doch noch helfen kann.

Paul* ist gerade mal neun Jahre alt. Der schmale Junge mit den braunen Augen und den Strubbelhaaren sieht zum Knuddeln süß aus. Doch in diesem Kind kocht es und die Wut entlädt sich wie bei einem Vulkan: Brutal, fast ohne Vorwarnung. Er zerreißt alle Schulbücher, verbarrikadiert sich schreiend in einem Zimmer. So lange, bis einer der Sozialarbeiter aus der Tagesgruppe Wiclefstraße in Moabit wieder zu dem kleinen Kerl vordringen kann - um den schluchzenden Burschen in den Arm zu nehmen, weil er völlig fertig ist.

Paul ist einer von zehn Schützlingen in der Tagesgruppe von Antonia Raczkowski und ihren Kollegen. Jeden Werktag kommen die Kinder - momentan ausschließlich Jungen - in die große Wohnung in der Wiclefstraße. Dort wird gemeinsam mit den Betreuern gegessen, die Schulaufgaben werden erledigt, danach vielleicht ein Streifzug im Kiez unternommen. Und dabei wird niemand geschlagen, niemand beleidigt. Und noch ein kleines Wunder: Hausaufgaben werden ohne Nöhlen erledigt!

Ganz normale Dinge, eigentlich, aber die 6- bis 12-Jährigen müssen sie erst wieder lernen. Weil in ihrem Leben bisher gar nichts normal lief. Und wenn sich nichts radikal ändert, führt ihr Weg irgendwann in den Knast. Darum geht es hier.

"Häufig sind es Kinder aus sozial oder bildungsschwachen Familien, die bei uns landen. Mit Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen mit der Erziehung der Kinder überfordert sind und Hilfe möchten. Oft wenden sich auch Schulen an uns, weil die Kinder so aggressiv sind, dass man sie nicht mehr unterrichten kann", sagt Sozialpädagogin Raczkowski.

Positive Vorbilder haben Jungs wie Dario*, Turgay und Dusan zu Hause kaum kennen gelernt. Gespräche werden vom Vater schon mal mit der Faust beendet. Mütter sind hilflos oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um für die Kinder da zu sein.

Bei Pauls Mutter ist das allerdings anders. Sie gibt sich alle Mühe mit ihrem Kind, und dennoch ist etwas schief gegangen. "Sie hat nie gelernt, ihrem Sohn Grenzen zu setzen", erzählt Lars Hinrichsen (35), Erzieher in der Gruppe. "Möglich, dass er deswegen beim geringsten Frust ausrastet."

Erst in der Gruppe lernt Paul, sich an klaren Rahmen zu orientieren, um Erlaubnis zu bitten, wenn er etwas möchte. Und mit Verboten umzugehen.

Rund 30 Plätze in Tagesgruppen für Schüler bietet der Träger "Jugendwohnen im Kiez" in Berlin. 90 Euro pro Tag und Kind kostet diese spezielle Betreuung das Jugendamt. Viel Geld, finden manche. Aber es ist gut angelegt, meint Raczkowski: "Die Kinder sind nicht als Bösewichter geboren. Sie besitzen auch keinen Naturtrieb, zu schlagen und zu zerstören. Unsere Erfahrung ist, dass wir erfolgreich sind." Geschäftsführer Fleischmann: "Es wäre oft billiger zu haben, wenn man die Kinder früher zu uns geschickt hätte. Aber in der Prävention wird immer gespart." So dauert es bis zu drei Jahren, bis ein Kind wieder stabil ist. "Klar, die Super-Nanny löst Probleme in einer Stunde, unterbrochen von drei Werbeblöcken. Aber so funktioniert das Leben nicht", sagt Raczkowski.

 

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Berliner Kurier, 8.10.2007

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