Bevor das Kind in den Brunnen fällt

Wir möchten darauf hinweisen, dass die Meinung eines Autors nicht zwingend mit der Meinung von Jugendwohnen im Kiez übereinstimmen muss.




25.02.2008

 

Vorsorge statt Nachsorge: In Berlin mühen sich Sozialarbeiter und Therapeuten um die Jüngsten. Das soll kriminelle Karrieren verhindern. Erfolge müssen hart erkämpft werden.

 

Von Jürgen Amendt

 

Der brutale Überfall zweier Jugendlicher auf einen Rentner auf einem Münchener U-Bahnhof sorgte im Dezember letzten Jahres für Schlagzeilen. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) machte daraus ein Wahlkampfthema; die Forderung nach Erziehungslagern und schärferen Strafen machten die Runde. Wie aber werden aus Kindern jugendliche Gewalttäter und – noch wichtiger – was kann man tun, um das zu verhindern?

 

Die Karte in Steffen Zobels Büro in Berlin-Moabit zeigt die Umrisse des »Sozialraums Mitte«. Im Südosten grenzt dieser an den Regierungsbezirk. Nur einen Steinwurf von der Welt der Mächtigen und Reichen entfernt, koordiniert Steffen Zobel für den Jugendhilfeträger "Jugendwohnen im Kiez" die Arbeit der sogenannten Tagesgruppen. Acht bis maximal zehn Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren werden von zwei Erzieherinnen, einer Sozialpädagogin und einer Therapeutin teilstationär betreut. »Für etwa 90 Prozent unserer Kinder sind es die Schulen, die als erste Kontakt zu den Jugendämtern aufnehmen und auffällige Kinder melden«, sagt Zobel. Im Rahmen der »Hilfen zur Erziehung« bietet das zuständige Jugendamt dann den Eltern die Tagesgruppe an.

 

Soziale und emotionale Verwahrlosung

 

Die Kinder kommen von Montag bis Freitag nach der Schule in die Einrichtung und bleiben dort bis zum frühen Abend. In dieser Zeit machen sie ihre Hausaufgaben, spielen, vor allem aber trainieren sie ihre sozialen und emotionalen Fähigkeiten. Dass man sich die Zähne putzt zum Beispiel, dass man Rücksicht auf andere nimmt, sein Zimmer aufräumt, Streitigkeiten nicht mit Gewalt löst.

 

»Durch die Tagesgruppe bleiben die Kinder in ihrem vertrauten Umfeld«, beschreibt Zobel den Vorteil dieser Alternative zur Heimunterbringung. Stigmatisierungen oder Traumatisierungen, wie sie durch die Wegnahme der Kinder aus der Familie und einen Heimaufenthalt möglich sind, gebe es somit nicht. Von sogenannten Bootcamps oder ähnlichen Lager-Ideen hält Zobel nichts. Erziehung braucht Zeit und keine wohlfeil klingenden, den schnellen Erfolg versprechenden Schnellschüsse. »Für das, was die ›Super-Nanny‹ im Fernsehen zwischen zwei Werbeblöcken scheinbar löst, brauchen wir zwei bis zweieinhalb Jahre.« »Scheinbar« sagt Zobel mit ironischem Unterton, denn ob die Familien nach der RTL-Show wirklich auf Dauer nicht nur das Verhalten, sondern ihre Haltung, also Einstellung zur Erziehung und zum Leben geändert haben, werde ja nicht nachgeprüft.

 

Für viele Eltern ist die Tagesgruppen die letzte Chance, ihr Kind zu behalten. Ansonsten kommt es zur »Inobhutnahme«, wie es im Behördenjargon heißt. Die droht jenen Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, sich aus der Erziehung größtenteils zurückgezogen haben. Etwa die Hälfte der Kinder in den insgesamt vier auf Berlin verteilten Tagesgruppen von »Jugendwohnen im Kiez« hat solche Eltern. Der Wink mit dem Zaunpfahl durch die Jugendämter ist unmissverständlich: Weigern sich die Eltern, dann sind sie die Kinder los.

 

Die Kinder stammen aus Hartz-IV-Familien bzw. von prekär Beschäftigten. »Das sind längst nicht mehr die Randständigen der Gesellschaft, sondern vielleicht bis zu 50 Prozent der Bevölkerung hier in Moabit«, schätzt Zobel. Menschen, die von »Stütze« leben, sich mit mehreren Jobs durchs Leben schlagen, nicht wissen, ob sie am nächsten Ersten die Miete zahlen können, wovon die nächste Rate für die Schrankwand abgeknapst werden soll: Putzfrauen, Briefzusteller, Straßenkehrer, Unqualifizierte – Dienstklasse für die, die ein paar Kilometer weiter hinter den glänzenden Fassaden von Bundeskanzleramt und Abgeordnetenbüros residieren.

 

Zobel spricht vom Zustand »sozialer und emotionaler Verwahrlosung«, unter dem viele Kinder in den Berliner Problembezirken aufwachsen. Zu der desolaten sozialen Situation kommt noch die Unfähigkeit der Eltern, ihre Kinder zu erziehen. Das führt zu Schicksalen wie dem von Gülcan*: Ihre Mutter arbeitet bis spätabends als Putzfrau, der Vater betreibt einen Imbiss bis in die frühen Morgenstunden und nutzt die Nachmittagsstunden, um sich auszuschlafen. Die Zeit nach der Schule verbringt das Mädchen auf sich allein gestellt. Sie hat niemanden, der sie in den Arm nimmt, der sie tröstet, wenn sie traurig ist, ihr aber auch Grenzen setzt, ihr sagt, wann es Zeit ist, ins Bett zu gehen, wann und wie sie ihre Hausaufgaben machen soll.

 

Ändern müssen sich die Eltern

 

Gülcans Eltern sind nicht böse, sie wissen es nur nicht besser. Gut 70 Prozent dieser Eltern haben als Kinder unter ähnlichen Zuständen gelitten. »Diesen Eltern fehlt eine Idee, wie Kinder gewaltfrei erzogen werden können. Sie wurden als Kind geschlagen und möchten ihre Kinder ohne Gewalt großziehen.« Wie aber setzt man Grenzen ohne Schläge und Anschreien, wie erzieht man kleine Menschen, ohne sie zu demütigen? Angehörige der Mittelschichten, so Zobel, holen sich in Erziehungsfragen Hilfe von außen, besuchen Erziehungskurse oder verfügen über ein soziales Netzwerk, aus dem sie Rat schöpfen können. Den Unterschichten fehlt beides.

 

Gesellschaftliche Benachteiligung und Ausgrenzung macht sich also nicht nur an der Verteilung des materiellen Reichtums, sondern auch an durch familiäre und soziale Vorbilder vermittelten immateriellen Dingen wie Erziehungsstilen und -haltungen fest. Diesen Eindruck bestätigt auch der Kriminologe Christian Pfeiffer. Gerade arabisch- oder türkischstämmige Jugendliche stammten aus Elternhäusern, die weder sozial noch emotional stabil seien. »Das Prinzip der Gewaltfreiheit in der Erziehung herrscht zwar auch in der Mehrheit dieser Familien, aber bei einem Drittel gibt es immer noch teils massive körperliche Gewalt«, sagt der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover. Von den Vätern werde eine Machokultur gepflegt, die durch die Mediennutzung noch verstärkt werde. TV-Filme oder PC-Spiele, die Männer als rücksichtslose Helden feiern, werden in türkischen Kinderzimmern häufiger konsumiert als in deutschen. Um das Fehlverhalten von Kindern zu korrigieren, müssten sich zunächst deren Eltern ändern, meint Pfeiffer.

 

Das sieht auch Steffen Zobel so. Bei »Jugendwohnen im Kiez« setzt man daher auf die intensive Zusammenarbeit mit den Eltern. Diese werden von den Jugendämtern zur Teilnahme an regelmäßigen Gesprächen mit Sozialarbeitern und Therapeuten verpflichtet. Nach einer bestimmten Zeit trainieren die Eltern in der Einrichtung typische Erziehungssituationen, z.B. das Verhalten während der Hausaufgaben der Kinder. Die »Erfolgsquote« schätzt Zobel auf 90 Prozent, die Rückmeldungen seitens der Schulen und Jugendämter seien jedenfalls durchweg positiv. »Es gibt aber auch Fälle, an denen wir scheitern«, sagt er. »Manchmal verweigern sich Eltern über Jahre der Einsicht, dass es ein Problem in der Erziehung ihrer Kinder gibt.« In solchen Fällen sei man schon froh, wenn die betreuten Kinder während der Zeit, die sie in der Tagesgruppe verbracht haben, nicht ganz ausgeflippt sind und marodierend durch die Straßen ziehen, sondern noch einigermaßen regelmäßig zur Schule gehen. »Das sind für uns verlorene Kinder«, sagt Zobel bedauernd.

 

Je früher, desto besser und billiger

 

Verlorene Kinder möchte Romy Sturm nicht haben. Die Erzieherin arbeitet an der Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg. Der nördliche Teil des Stadtteils gilt als sogenannter sozialer Brennpunkt: Ein Großteil der Bevölkerung lebt von Hartz IV oder Gelegenheitsjobs, die Kriminalitätsrate ist hoch. »In unserer Schule gibt es kaum eine Klasse, in der es nicht mindestens ein verhaltensauffälliges Kind aus Problemfamilien gibt«, sagt die Leiterin des Erzieherteams der Schule. Die Umstellung auf eine Ganztagsschule vor vier Jahren habe schon einiges verändert, betont sie. »Wenn die Kinder heute bis 16 Uhr in der Schule sind, dann wirkt sich das positiv auf ihr Sozialverhalten aus.« Ähnlich sieht das Christian Pfeiffer: »Wichtig sind Ganztagsschulen, die nachmittags ein Motto umsetzen: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, Theaterspielen und soziales Lernen.«

 

Das allein aber reicht in Vierteln wie Schöneberg-Nord nicht. Zusammen mit »Jugendwohnen im Kiez« betreibt die Spreewald-Grundschule seit 2006 deshalb eine Tagesgruppe für die besonders schweren Fälle. Mit Erfolg, wie Romy Sturm sagt. »Wir wollen mit der therapeutischen Betreuung der Schüler das Kind retten, bevor es in den Brunnen gefallen ist.« In der Tagesgruppe der Spreewald-Grundschule sind die Kinder deutlich jünger als in anderen Gruppen: »Wir nehmen hier Kinder schon im Alter von Fünfeinhalb auf«, sagt Romy Sturm. Für Steffen Zobel hat das einen unbestreitbaren pädagogischen Vorteil. »Je früher den Kindern geholfen werde, desto besser sind die Erfolgsaussichten.« Aber auch finanziell lohnt sich die Tagesgruppe in der Schule. Während in den schulexternen Gruppen die Verweildauer der Kinder zwei bis zweieinhalb Jahre beträgt, bleiben an der Spreewald-Grundschule im Schnitt ein bis eineinhalb Jahre in der Tagesgruppe. Das rechnet sich auch finanziell, meint Zobel: »Je kürzer, desto billiger«.

 

Berlins Finanzsenator Sarazzin sollte sich das zu Herzen nehmen: »Die Mittel für die Jugendhilfe wurden seit 2002 um rund die Hälfte gekürzt«, kritisiert Zobel.

 

* Name von der Redaktion geändert

 

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Neues Deutschland, 25.2.2008

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