Besser Leben

Wir möchten darauf hinweisen, dass die Meinung eines Autors nicht zwingend mit der Meinung von Jugendwohnen im Kiez übereinstimmen muss.




Zwei Projekte "resozialisieren" Berlin-Neukölln
Kulturzeit, 19.1.2009
Quelle und Copyright: 3sat

 

Bericht des Kulturmagazins "Kulturzeit" auf 3sat u. a. über die Interkulturelle Moderation an Schulen in Neukölln-Nordost.

 

 

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Spätestens seit "Rütli" ist Berlin-Neukölln bundesweit bekannt. Mit dem Hilfeschrei der Lehrer der Rütli-Schule waren die Probleme nicht mehr zu verheimlichen: Jugendgewalt, soziale Verelendung, Bildungsnotstand. Neukölln war plötzlich das Synonym für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft, wurde schon als "verlorener" Bezirk gehandelt. Aber dort tut sich auch etwas. Zahlreiche Initiativen in den verschiedenen Kiezen versuchen, den Abwärtstrend zu stoppen und urbanes Leben wieder möglich zu machen - für die "Resozialisierung" des Problembezirks.

 

Regelmäßig führt Maria Richarz junge Gewerbetreibende durch den Neuköllner Norden, den Richard-Kiez. Sie will sie als Mieter für die zahlreichen leer stehenden Ladenlokale gewinnen. "Wenn der Leerstand die Straßen hoch kriecht", sagt die Leiterin der "Zwischennutzungsagentur", "dann entleert sich die Straße mit dem Leben, was auch die Qualität von Quartieren ausmacht, dass ich meinen täglichen oder auch speziellen Bedarf dort decken kann, Dienstleistungen finde. Und wenn das alles nicht mehr da ist, dann entsteht im klassischen Sinne das, was man auch überall hört: die No-Go-Area."

 

Die "Zwischennutzungsagentur" belebt den Kiez neu

 

Damit in Neukölln keine No-Go-Areas entstehen, gibt es seit drei Jahren die "Zwischennutzungsagentur". Unterstützt und finanziert vom Senat, vermittelt Maria Richarz zwischen Vermietern, Mietern und Bezirksamt. Das Ziel sind bezahlbare Mieten als Anreiz für junge Gewerbetreibende aus den unterschiedlichsten Bereichen. Dabei setzt man bewusst auf Künstler und ihre Klientel, die mit ihrem Lebensstil heruntergekommene Quartiere neu beleben. Man betreibt also gezielte Gewerbe-Ansiedlung, um die Neuköllner Kieze wieder attraktiv zu machen.

 

Denn noch immer ist Neukölln Berlins Problembezirk Nummer eins. Von etwa 300.000 Einwohnern ist jeder Dritte ausländischer Herkunft, die soziale und wirtschaftliche Lage ist schlecht. Rund die Hälfte der Neuköllner sind Hartz-IV-Empfänger. Die Arbeitslosenquote liegt bei 23 Prozent. Drei von vier Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. Die Kriminalitätsrate ist so hoch wie sonst nirgends in der Stadt. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Aber jetzt bringt das Projekt "Zwischennutzung" wieder neues Leben ins Viertel. Britta Helbig beispielsweise möchte ein Tanzstudio eröffnen. Die Performancekünstlerin sagt, sie habe viele Ideen, "wo ich die Kosten gering halten möchte, weil ich das Geld in die Kunst stecken möchte, und das ist hier eher möglich, als irgendwo anders. Ich finde es total spannend."

 

Mit den Angeboten wächst die Lebensqualität

 

Gerade ungewöhnliche Geschäftsideen sind gefragt. Sie bringen frische Impulse in den Kiez und damit neue, kaufkräftige Kunden. Einer macht den Anfang, andere folgen. Und mit den Angeboten wächst die Lebensqualität. "Grundsätzlich brauchen diese Quartiere Anstöße aus vielen Richtungen", so Stadtsoziologe Hartmut Häußermann. "Man kann sagen, alle möglichen Anstöße. Den Effekt einer konkreten Maßnahme wird man nie genau abschätzen können. Aber langfristig ist es ein Anfang, die Spirale der Abwärtsentwicklung zumindest optisch vom Image, vom ganzen Milieu zu durchbrechen und zu sagen: Hier passiert etwas Neues. Das ist elementar."

 

Schon jetzt kann man sehen, wie sich Nord-Neukölln wandelt, zum Beispiel im benachbarten Körner-Kiez. Seit drei Monaten betreibt Andrea hier ihren Designer- Second-Hand-Laden "Stars und Starlets". Bisher hat sie den Schritt in die Selbständigkeit nicht bereut. "Die meisten Menschen freuen sich", sagt die Boutiquebesitzerin. "Es gibt auch Leute, die sind eher überrascht und trauen sich auch nicht rein, weil es ihnen zu schick ist. Die muss man schon ein bisschen reinlocken. Aber ich würde sagen, es wird sehr positiv angenommen." Das Neuköllner Projekt "Zwischennutzung" ist inzwischen so erfolgreich, dass es andere Berliner Bezirke nachmachen wollen.

 

Interkulturelle Moderatoren bauen Vorurteile ab

 

Aber auch in Sachen Schule tut sich einiges: Seit etwa zwei Jahren fördert der Senat interkulturelle Moderatoren, zweisprachige "Schulhelfer", die in Neukölln zwischen Schule, Lehrern, Eltern und Schülern vermitteln. Altun Icöz ist eine von ihnen. Die Hauptaufgaben der türkischen, arabischen und serbokroatischen Moderatoren sind: Vorurteile abbauen, Eltern aktivieren und vor allem bildungsferne Familien von der Wichtigkeit des Schulbesuchs überzeugen - ein entscheidender Beitrag zur Integration und Bedingung für erfolgreiche Schulkarrieren. "Wenn die Eltern auch wirklich dahinter stehen, dann ist das ein ganz anderer Druck", sagt Altun Icöz. "Wenn die Schule sagt, das muss so gemacht werden, wenn die Eltern sagen, das muss so gemacht werden, dann wird’s auch meistens so gemacht."

 

Heute hilft Altun Icöz Darya und Ahmet. Beide wollen bei einer deutsch-türkischen Schülerzeitung mitmachen, aber ihre Eltern sind dagegen. Also geht Altun Icöz zu den Eltern nach Hause. In der vertrauten Umgebung und bei einem Glas Tee kommt man schnell ins Gespräch. Ahmets Eltern geben ihren Widerstand auf. Sie wollen sogar zur Präsentation der Erstausgabe in die Schule kommen. Begleitet wird das Projekt "Interkulturelle Moderation" von der Pädagogischen Fachhochschule Potsdam. Ihre Untersuchung belegt entscheidende Veränderungen an Neuköllner Schulen auch wissenschaftlich. "Wir können nachweisen, dass aus Sicht der Lehrer und der Kooperationspartner verstärkt Elternarbeit stattgefunden hat", sagt Erziehungswissenschaftler Karsten Speck. "Wir können auch nachweisen, dass schnellere Hilfen für Kinder und Jugendliche erfolgt sind. Und wir können aus Sicht der Lehrer und auch der Schüler nachweisen, dass ein besseres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern entstanden ist."

 

Erfreuliche Folge: Die weitere Förderung des Projekts "Interkulturelle Moderation" durch den Berliner Senat ist erstmal gesichert. Auch die "Zwischennutzungsagentur" wird weiter arbeiten. Britta Helbig hat neue Räume im Richard-Kiez gefunden. Dort wird sie ihr Tanzstudio eröffnen. Das sind nur zwei Beispiele aus dem berüchtigten Neukölln - unspektakulär, aber vielleicht entscheidende Schritte zur Aufwertung eines fast abgeschriebenen Berliner Bezirks.

 

www.3sat.de

 

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