Besserungsanstalt im WG-Format

Wir möchten darauf hinweisen, dass die Meinung eines Autors nicht zwingend mit der Meinung von Jugendwohnen im Kiez übereinstimmen muss.




3.10.2003

 

Im September läuft der Förderschwerpunkt "Fortentwicklung des Hilfeplanverfahrens" an, das die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, freien Trägern und Betroffenen verbessern soll

 

Nicolas Westerhoff

 

"Eat the rich", esst die Reichen. "Ich kann warten". "Kill the cops". "Buddha ist überall". Sinnsprüche, Beschimpfungen, Lebensweisheiten: Die Wände sind voll davon in der Zimmerstraße 10 in Berlin-Kreuzberg, nahe am Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Kontrollposten der Alliierten. Im fünften Stock des Sozialbaus wohnen fünf Jugendliche in einer WG. "Betreutes Wohnen" steht auf einem Aufkleber an der Tür. Amerikanische Küche, große Fensterfront, abgewetzte Couch, vier Fernseher - so sieht es im Innern der Wohnung aus. Was auf den ersten Blick eine ganz gewöhnliche Studenten-WG zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine "teilstationäre Maßnahme der Jugendhilfe gemäß Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG)".

Mit dem Betreuer nicht anlegen

Die Liste der vom Gesetzgeber vorgesehenen Jugendhilfe-Maßnahmen ist lang: Heimunterbringung, Familienhilfe, therapeutisches Wohnen, betreutes Wohnen, Tagesgruppe, Einzeltherapie, Erziehungsbeistand. Doch ob die einzelnen vom Jugendamt "verordneten" und von freien oder öffentlichen Trägern durchgeführten "Hilfen" nützlich sind, darüber lässt sich nach Ansicht des promovierten Soziologen Detlev Horn-Wagner nur spekulieren. "Ob nachher die gewünschten Effekte eintreten", resümiert der Jugendhilfe- Experte lakonisch, "lässt sich nur schwer belegen, weil man nicht genau weiß, welche Maßnahme zu welcher Wirkung geführt hat. Wenn sich ein Jugendlicher bessert, so kann das an der Maßnahme der Jugendhilfe gelegen haben oder an ganz anderen, nicht erfassten Einflussfaktoren." Sicher ist zumindest eines: Jugendhilfe kostet viel Geld. Allein das Land Berlin gibt jährlich 1,5 Milliarden Euro für Maßnahmen der Jugendhilfe aus.

 

Die 19- jährige Susanne Leitz wohnt seit einigen Jahren in der WG. Sie gehört zu den "alteingesessenen WG-Mitgliedern", die hier ein zweites Zuhause gefunden haben. "Aber am Anfang war das nicht so", erzählt Susanne, "da hatte ich das Gefühl, als käme ich zu einer festen Gemeinschaft, deren Regeln ich nicht kenne". Mittlerweile sind ihr die Regeln bestens vertraut - und sie ist bedacht darauf, sich daran zu halten. "Wenn man sich nicht an die Regeln hält", erzählt Susanne, "wird einem das Taschengeld gekürzt. Deshalb sollte man sich mit den Betreuern nicht anlegen." Einer der Betreuer ist Herbert Benkhoff, ein studierter Sozialpädagoge, der vier Stunden am Tag in der WG anwesend ist, um dort "nach dem Rechten zu sehen". Herbert Benkhoff kontrolliert, ob geputzt und eingekauft wurde, zahlt den Jugendlichen ihr Taschengeld aus, achtet darauf, dass in den Zimmern nicht geraucht und getrunken wird, schaut mit den Jugendlichen fern, diskutiert mit ihnen. Über Nacht lässt Herbert Benkhoff die Jugendlichen allein, bleibt jedoch in Rufbereitschaft, "so wie ein Arzt, falls es irgend ein Problem gibt".

 

Die vom Deutschen Caritasverband in Auftrag gegebene "Jugendhilfe-Effekte-Studie" hat gezeigt: Entscheidend für den Erfolg einer Jugendhilfe-Maßnahme ist die so genannte "Prozess-Qualität", also die Güte des Kontaktes zwischen professionellem Helfer und dem Betroffenen im zeitlichen Verlauf. Prozess-Variablen wie "Vertrauen", "Kooperationsbereitschaft" und "Sympathie" sind von großer Bedeutung. Über "strukturelle" Merkmale wie Ausbildungsart- und Niveau eines Jugendhelfers lässt sich der Erfolg oder Misserfolg einer Maßnahmen hingegen kaum vorhersagen. Ein Befund, der nach Ansicht von Detlev Horn- Wagner nicht weiter überrascht, wenn man sich das Wesen einer "sozialen personenbezogenen Dienstleistung" vergegenwärtigt: "Das Problem bei der Jugendhilfe liegt darin, dass der betroffene Jugendliche als Koproduzent der sozialen Leistung angesehen werden muss. Was eine bestimmte Hilfe zur Erziehung bewirkt, wird eben nicht allein vom Anbieter der Leistung bestimmt."

 

Problemallianzen

 

Die Entscheidung, wer in die WG in der Zimmerstraße 10 einziehen darf und wer nicht, liegt beim Jugendamt. Die WG selbst gehört "Jugendwohnen im Kiez", einem freien Träger mit 140 Mitarbeitern - und einem breit gefächerten Angebotsspektrum. "Unsere Aufgabe ist es", erklärt Ingrid Alberding, die Geschäftsführerin des Trägers, "jene Dienstleistungen im Bereich der Jugendhilfe anzubieten, die das KJHG vorsieht." Neben stationären Hilfen wie etwa dem "therapeutischen Wohnen", bei dem Jugendliche rund um die Uhr betreut und überwacht werden, bietet "Jugendwohnen im Kiez" auch ambulante Dienste an. "Dabei handelt es sich", so Ingrid Alberding, "um eine aufsuchende Arbeit, bei der Sozialarbeiter sich darum bemühen, mit Jugendlichen auf der Straße ins Gespräch zu kommen."

 

Die freien Träger der Jugendhilfe bieten dem Jugendamt ihre sozialen Dienste an - und das Jugendamt wählt daraus aus. "Von der Art des Angebotes", so Detlev Horn-Wagner, "lässt sich jedoch nicht auf den tatsächlich existierenden Bedarf schließen". Mit anderen Worten: Nicht der Bedarf vor Ort ist also ausschlaggebend dafür, welche Hilfen gewährt werden. Vielmehr hängt die Hilfepraxis von ganz anderen Faktoren ab, wie zum Beispiel von den persönlichen und "ideologischen" Vorlieben der Jugendamt-Mitarbeiter, von der "Kultur" des Jugendamtes, vom Finanzvolumen der Stadt und vom Ausbildungshintergrund der Mitarbeiter. "Wenn ein Mitarbeiter des Jugendamtes zu einem freien Träger wechselt", kritisiert Horn-Wagner, "dann kann man häufig feststellen, dass dieser Träger plötzlich mehr Aufträge von dem Jugendamt erhält, bei dem der Mitarbeiter vorher beschäftigt war." Die Entscheidung für Jugendhilfe wird nicht immer nach rationalen Kriterien gefällt - und das geht zu Lasten der betroffenen Jugendlichen.

 

Verordnete Hilfe - erlebter Zwang

 

"Niemand darf sein Zimmer abschließen", so lautet die strengste aller WG- Regeln in der Zimmerstraße 10, auf deren Einhaltung Herbert Benkhoff großen Wert legt. Schließlich, so Benkhoff, drücke sich darin die Philosophie des Trägers aus, der die WG "nicht als Pension begreift, in der man sich abschotten kann, sondern als eine Lebensform, in der man seine Privatsphäre mit anderen teilt."

 

Das Erziehungskonzept, das der WG von "Jugendwohnen im Kiez" zugrunde liegt, ist eine Mischung aus Kontrolle und Vertrauen. So streng wie in einer so genannten Glen- Mills- Schule geht es beim "Betreuten Wohnen" nicht zu. Während eine amerikanische Glen-Mills-Schule einer militärischen Kaderschmiede gleicht, in der jeder kleinste Regelverstoß sofort bestraft wird und in der die Jugendlichen solange "gefangen" gehalten werden, bis sie sich gebessert haben, können die Jugendlichen im "Betreuten Wohnen" kommen und gehen, wann sie wollen. Und sie können außerhalb der WG tun und lassen, wozu sie Lust haben. Das heißt etwa: Ein Jugendlicher darf in der WG keinen Alkohol trinken, außerhalb der WG aber schon. Die Jugendlichen im "Betreuten Wohnen" teilen somit nur einen bestimmten Ausschnitt ihres Lebens miteinander.

 

"Bevor ich in die WG kam", erzählt Susanne Leitz, "hat es das Jugendamt bei mir mit Familienhilfe versucht. Da kam dann ein Sozialarbeiter einmal in der Woche zu uns nach Hause und hat mit uns über die Probleme in der Familie gesprochen. Das hat aber nichts gebracht, weil sich dadurch an meiner Situation nichts geändert hat." Worin die Probleme genau bestanden haben, möchte Susanne Leitz nicht sagen. Nur soviel sagt sie: Ihre Mutter sei irgendwann mit der Erziehung überfordert gewesen.

 

Die Abbruchraten bei Jugendhilfe-Maßnahmen sind hoch. Etwa ein Drittel aller Hilfen werden vorzeitig beendet. Insbesondere all jene Formen der Jugendhilfe, bei denen die Eltern der betroffenen Kinder und Jugendlichen "mitarbeiten" müssen, sind häufig zum Scheitern verurteilt. Der Grund hierfür: Ein Mangel an "Prozess- Qualität", also ein Mangel an Vertrauen und Kooperationsbereitschaft zwischen Helfern und den "Klienten". Aber wie soll eine vertrauensvolle Beziehung entstehen können, wenn die Maßnahmen der Jugendhilfe vom Jugendamt verordnet werden, wenn Eltern die Macht des Gesetzes zu spüren bekommen und sich nicht aus freien Stücken für eine Jugendhilfe entscheiden?

 

"Meine Mutter", sagt Susanne Leitz, "hat es als Machtverlust erlebt, dass ich nicht mehr in der Familie war und sie somit die Kontrolle über mich verloren hat. Aber sie hat den Kontakt zu mir nicht abgebrochen, sondern mich immer mal wieder in der WG besucht. Ich glaube, sie hat dann auch gesehen, dass es mir in der WG besser geht als bei ihr."

 

"Für viele Familien", meint Susanne Cokgüngör, eine Sozialpädagogin aus Berlin- Schöneberg, "spielt sich Jugendhilfe in einem Zwangskontext ab. Diese Familien müssen eine bestimmte Hilfe akzeptieren, wenn sie nicht riskieren wollen, dass ihr Kind aus der Familie heraus genommen wird." Wichtig sei es daher, so Cokgüngör, für eine Hilfe-Maßnahme zu werben und Vertrauen zwischen Helfer und Familien herzustellen. Doch häufig sind die Familien von der gewährten Hilfe nicht überzeugt oder empfinden sie als uneffektiv. Eine nicht ganz haltlose Einschätzung, wie empirische Daten belegen. Neuere Untersuchungen zur Jugendhilfe haben gezeigt: Nur in 20 Prozent der Fälle wird den Kindern und Jugendlichen die ideale Hilfe angeboten.

 

Qualitätsmessung zweifelhaft

 

Zwar ist Jugendhilfe nachweislich wirksam, allerdings sind die positiven Effekte eher moderat. Über alle Hilfearten "gerechnet", lassen sich ein Fünftel aller Auffälligkeiten im Verhalten durch Jugendhilfe gemäß des KJHG verringern. Gleichzeitig gilt: Nach den Erkenntnissen der Jugendhilfe-Effekte Studie ist Jugendhilfe in manchen Fällen nicht nur unwirksam, sondern kontraproduktiv. So nehmen bei einem Drittel der Kinder die Auffälligkeiten im Verhalten nach einer durchgeführten "Hilfe zur Erziehung" weiter zu. Und bei ebenfalls einem Drittel der Familien wachsen die "psychosozialen Belastungen" trotz der Hilfen an.

 

Wie effektiv ist die Jugendhilfe? Und wie lässt sich die Qualität einer sozialen Leistung messen? In Zeiten knapper Kassen gerät auch die pädagogische Arbeit zunehmend unter Legitimationsdruck. So sind die Anbieter von "Hilfen zur Erziehung" mittlerweile vom Gesetzgeber dazu verpflichtet worden, "die Qualität ihrer Arbeit zu sichern und weiter zu entwickeln". Doch in der Praxis der Jugendhilfe spielt der "Qualitätsgedanke" kaum eine Rolle. Nach Erkenntnissen des Deutschen Jugendinstitutes in München betreiben nur ein bis drei Prozent aller Träger im Bereich der Jugendhilfe eine standardisierte Form der Qualitätssicherung. Der Träger "Jugendwohnen im Kiez" gehört zu dieser kleinen Gruppe. Er betreibt Qualitätssicherung mittels des in der Wirtschaft erprobten Verfahrens ISO 9000. "Zwei Tage lang", erzählt Ingrid Alberding, "haben zwei Prüferinnen von der Deutschen Gesellschaft für Qualität alle Arbeitsschritte in unseren Einrichtungen begutachtet, haben sich die Unterlagen angesehen, haben Fragen zur Arbeitsweise der Mitarbeiter gestellt und Protokoll darüber geführt, wie bei uns gearbeitet wird."

 

"Es ist sicherlich eine zweifelhafte Angelegenheit", meint Frieder Dünkel, Kriminologie-Professor an der Universität Greifswald, "dass die Träger selbst dafür verantwortlich sind, die Qualität zu sichern." Von einem Zentrum für Qualitätssicherung, wie es im Bereich der Medizin bereits eingerichtet wurde, ist man in der Jugendhilfe noch weit entfernt. Bisher müssen die freien Träger der Jugendhilfe die Maßnahmen zur Qualitätssicherung selbst bezahlen. Der Gesetzgeber fordert "Qualitätssicherung" von den Trägern, ohne sich diese Forderung etwas kosten lassen zu wollen.

 

Susanne Leitz hat soeben ihr Fachabitur abgeschlossen - und möchte jetzt vielleicht ein Studium aufnehmen. Bei ihr hat die Jugendhilfe gewirkt. Ein Regelfall? "Ich habe schon viele gesehen," meint Susanne Leitz, "denen das Betreute Wohnen nicht geholfen hat, die sich nicht einpassen konnten. Oder die noch nicht selbstständig genug waren. Für die wäre eine andere Hilfe besser gewesen."

 

"Der Gesetzgeber", bemängelt Ingrid Alberding von "Jugendwohnen im Kiez", "verpflichtet die freien Träger dazu, Qualität zu sichern. Aber auch von der Arbeit der Jugendämter hängt es ab, ob eine soziale Leistung Erfolg hat." Tatsächlich sind die Jugendämter nicht in dem Maße verpflichtet, Qualität zu sichern wie die freien Träger der Jugendhilfe. Hinzu kommt: Die Jugendämter unterliegen faktisch keiner Kontrolle. Ein Missverhältnis, wenn man bedenkt, dass die "Effektivität" einer Maßnahme ganz entscheidend davon abhängt, welche der vielen möglichen Hilfe-Formen für einen Jugendlichen gewählt wird. Trifft das Jugendamt eine falsche Entscheidung, so können die "Dienstleister" noch so gute Arbeit leisten, ihre Erfolge werden immer bescheiden bleiben.

 

"Freitag", 3.10.2003

 

 

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